Olivr. M. Guz, hat zum erstem mal einen Preis bekommen. Das ist super und sollte noch öfters vorkommen. Hier die Laudatio die von Odi Odermatt in der Kammgarn in Schaffhausen am 2. Nov. gehalten wurde. Wir bedanken uns, dass wir sie hier präsentieren dürfen:
"Anfang Woche war Oliver Maurmann bei mir, um in meiner zurzeit zum Heimstudio umgebauten Wohnung auf ein paar Stücken meines Duos Papst & Abstinenzler Kontrabass zu spielen. Eines davon heisst «Notkredit». Er fragte mich beim Anhören, ob es eigentlich Notkredite auch für Privatpersonen gebe, und wir lachten, wie man das zuweilen tut, wenns eigentlich ernst ist, einem aber nichts Besseres einfällt.
Dass es dieser Mann ist, der nun quasi seinen persönlichen Notkredit erhält, ist darum richtig gut. Dass er ihn nicht zurückzahlen muss, diesen Notkredit, ist noch besser. Entschuldigen Sie deshalb, wenn ich für einen Moment in diesen bescheuerten Ökonomie-Speak falle, aber das, meine Damen und Herren, ist für einmal eine weitsichtige, eine intelligente Investition!
Nur damit wir uns nicht falsch verstehen, und um gleich aufzuräumen mit albernen Klischees: Oliver Maurmann blööterlet nicht in den Tag hinein und führt auch kein «Bohème-pas-de-problème»-Leben zwischen Rotwein, Kellerclub und Warten auf den Musenkuss.
So ein Leben führen heute ja sowieso eher die Teilzeitarbeiter in kreativen Berufen, die Webdesigner, die auch DJs sind und immer irgendwelche «Projekte» am Laufen haben. Leute also, die gut verdienen und wenig arbeiten. Oliver arbeitet viel und verdient schlecht.
Von der Populärmusik im weiteren Sinn kann man hierzulande eh nicht besonders gut leben. Es gibt vor allem zwei Wege: Man spielt in einer der wenigen Bands, die einigermassen gut Tonträger verkaufen und jedes Jahr durch die Schweiz touren – und bei dieser Gelegenheit jeweils auch dieser Halle einen Besuch abstatten. Damit so etwas funktionieren kann, muss die Musik entsprechend breitentauglich formatiert werden. – Die andere Variante heisst: Jazz. In diesem Bereich herrscht allgemeines Breitentauglichkeits-Verbot. Musiker-Existenzen werden vor allem möglich, weil Jazz kompliziert und also Hochkultur – und Hochkultur auch hochsubventioniert ist. Von staatlichen Institutionen ebenso wie von sagen wir mal: Banken.
Olivers «dritter Weg» ist einer zwischen dem marktwirtschaftlich ausgerichteten Selbstverständnis einer Band als KMU (Abkürzung in der Schweiz für "Kleine und mittlere Unternehmen", also "mittelständische Betriebe", Anmerkung der Red.) und dem Selbstverständnis im Jazzbereich, Subventionen immer schon mitzudenken, weil man ja Hochkultur macht.
Mainstream, das Streben nach dem Hit, dem «perfekten Song», interessieren Oliver nicht. Musikalisches Handwerk findet er zwar nützlich, aber es ist nicht die Hauptsache, und schon gar nicht Selbstzweck. Wichtiger ist der Gestaltungswille, sind Originalität und Einzigartigkeit.
Man ahnt: Von diesem «dritten Weg» zu leben, ist noch schwieriger, als das sonst schon ist als Musiker in der Schweiz.
Dieser Weg führt meiner Meinung nach aber zu den weitaus spannendsten Resultaten. Höchste Zeit jetzt aber für Olivers Musik.
"Sommer 1984" (dieses Stück ist noch nicht veröffentlicht, wird aber bald rauskommen, irgenwie, irgendwo, irgendwann) reinhören
Dieses durchaus autobiografische Stück zeigt viel von Olivers Fähigkeit, mit Musik Geschichten zu erzählen, Text und Töne zu einem grösseren Ganzen zu verschrauben. Eigentlich keine seiner Kompositionen – auf mittlerweile gegen 40 Tonträgern – läuft nur in gewohnten Bahnen. Hier etwa ist es der Text, gleichzeitig anrührend sentimental UND unmittelbar direkt (EV: «ich und meine Scheissband...»), es ist auch die Musik, diese Gitarre, die eben nicht die kleine Verzierung spielt, die man erwartet, sondern: weniger. Nur den einen Ton. Ohrenfällig ist hier auch eine weitere Qualität von Olivers Musik: Sie wirkt so, als könne man sie anfassen, sehr plastisch, dreidimensional, springt sie einen unmittelbar an.
«1984» heisst dieses Stück. Fast seit 1984 kenne ich auch Oliver und seine Musik. In der damals schweizweit vernetzten Post-Punk-Zeit Anfang der Achtzigerjahre gab es eine ziemlich rege Szene, die im Schlafzimmer, in der Besenkammer im oder Übungsraum mit den damals neuen Vierspurgeräten Kassetten aufnahm und mit Ähnlichgesinnten austauschte.
Seine ersten Tapes tönten, wie es ein Kritiker mal beschrieb, «wie mit der Klobürste aufgenommen», das machte aber nichts, denn sie öffneten nicht nur mir ganze Welten aufregender, schrulliger, poppiger, unerhörter und deshalb ziemlich anarchischer Klänge.
Wenn ich von heute aus versuche, mich an die Achtzigerjahre zu erinnern, fällt mir nicht mehr besonders viel Erspriessliches dazu ein. Dies aber blieb: Ich sehe mich mit Walkmankopfhörern nach Hause wanken, eine GUZ-Kassette im Ohr. Diese Musik begleitete einen wie ein Freund, auch in Zeiten grosser Orientierungslosigkeit.
GUZ, das ist seit 1985 und bis heute Olivers Alleinherrscher-Vehikel für musikalische Ideen, die sich in Bands nur schwer verwirklichen lassen. GUZ-Musik veränderte sich im Lauf der Zeit immer wieder stark: Über den schraddelig-minimalen Pop der frühen Kassetten zu Rockmusik, zu Elektronik und Blues. Heute bewegt sich GUZ zwischen Country, Pop und orchestraler Filmmusik. Auf der Bühne ist dann alles nochmals anders: Dort ist GUZ mittlerweile ein Trio und musiziert ganz im Geist ursprünglichen Rock’n’Rolls und Rhythm’n’Blues: Da gibts viel, viel Rhythmus, die Stücke sind einfach gehalten, aber nicht simpel. Dafür stoisch wie eine Dampflok. Und Bo Diddley schüttelt im Himmel die Shaker dazu!
Die Aeronauten gibt es seit 1991. In dieses bläsergestützte Sextett trägt Oliver als Sänger, Gitarrist und Komponist jene Lieder, die Poppotenzial haben. In den Neunzigern gelang der Band der Sprung nach Deutschland, wo sie sich auf vielen (Ochsen-)Touren den Ruf einer grossartigen Livecombo erspielte. Mittlerweile gibt es zwar längere «Babypausen» in der Band, auch Oliver ist längst Vater, aber die Aeronauten haben in Hamburg oder Berlin noch immer genauso viele oder mehr Fans als in Schaffhausen oder Zürich, die zudem manchmal textsicherer sind als die etwas trainingsfaule Band selbst.
1992 gründete Oliver zusammen mit Tom Etter das Startrack-Tonstudio an der Neustadt in Schaffhausen. Ein Glücksfall für unsere Stadt und ihre Musiker! Aber nicht nur. Denn bald sprach sich auch schweizweit – und darüber hinaus – herum, dass an diesem Ort nicht einfach Dienstleister auf den Aufnahmeknopf drücken, sondern angefressenste Musiker und Tüftler mit einem Mix von modernster Technologie und alter Röhrengerätschaft für einen ganz speziellen Sound sorgen. Bis heute hat Oliver dort rund 250 Produktionen gemacht. Zufallskundschaft war kaum darunter.
In den letzten Jahren arbeitete Oliver verstärkt auch als Produzent, der die Bands schon vor den Aufnahmen im Proberaum besucht und mit ihnen im Studio dann zum inneren Kern der Songs vorzudringen versucht.
Vor einigen Jahren kam noch das Spielbein Theater dazu. Im Trio mit den Zorros macht Oliver regelmässig die Musik zu den Stücken des Berner Autors Matto Kämpf und spielt dabei von der singenden Säge über das Harmonium bis zum Kontrabass alle möglichen Instrumente. Seit fünf Jahren gehört er als musizierender Schauspieler auch zur festen Besetzung des Schaffhauser Theaters Sgaramusch, mit dem er seither neben Auftritten in der Schweiz in der ganzen Welt herumkommt: Schottland, Irland, Nowgorod und Moskau, Sydney und Columbus, USA, waren nur einige der Stationen. Olivers «dritter Weg» (man verzeihe mir übrigens diese doch etwas beknackte Bezeichnung) hat ihn also auch geografisch gesehen ziemlich weit gebracht.
Wie sich das Theater, das Kreieren vom Ambiente, Atmosphäre, auf seine Musik auswirkt, ist im ein bisschen an Fellinis Hauskomponisten Nino Rota angelehnten Stück mit dem schönen Titel «Camorrha, Berlusconi, Cisalpino» zu hören.
(Anmerkung der Red.)
Dieses Lied heisst jetzt neu "Asino Morto". Es ist auf der jetzt eben im Herbst 2009 erschienenen Single "Hallo Liebe" von den Aeronauten rauskommen. Es beschreibt die Liebe - naja Liebe ist übertrieben, Zuneigung klingt auch blöd, ...zu einem alten Esel. Also Oliver mochte ihn einfach.
Was Oliver antreibt, ist eine Mischung aus grosser Neugier, grosser Unruhe und grossem Entsetzen über die Einförmigkeit, die uns Tag für Tag um den Kopf geklatscht wird: Dann musst du das kaufen, dann musst du so fühlen, dann musst du so heiraten, dann musst du so schöner wohnen, dann musst du diesen Zweitwagen fahren, das ganze Programm, das höchstens in der Werbung so etwas wie Frohsinn verbreitet.
Olivers Neugier ist allgegenwärtig: In seinem steten Tüfteln mit Musik, musikalischen Formen, Sounds, Rhythmik und seinen Texten. Seine Lieder dürfen alles und dürfen alles sein – ausser langweilig. Der grosse Fan von Verschwörungstheorien eröffnet ein Album auch mal mit einem Song über einen Mann namens Koresh Teed, der behauptete, die Welt sei zwar wohl eine Kugel, wir lebten aber auf deren Innenseite.
An Verschwörungstheoretikern interessiert Oliver wohl auch, dass sie die Welt, wie sie ist, negieren, und ihr ihren eigenen Entwurf entgegenstellen. So wie das Oliver mit seiner Musik macht.
Die Unruhe, die ich ihm hier unterstelle, zeigt sich auf eine verblüffende Weise. Im persönlichen Umgang hat Oliver etwas von einem stoischen Brummbären. Den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Wer seinen Texten zuhört, merkt allerdings schnell, wie viele Dinge für ihn absolut nervtötend sein müssen. Ausserdem ist jegliche Stoik im Nu weg, wenn der Contempo-Preisträger 2009 auf der Bühne steht: Dort, das können mir auch all jene glauben, die ihn noch nie live erlebt haben, ist er eine Rampensau vor dem Herrn, und macht mit viel Energie vorwärts, damit etwas geht.
Dem Entsetzen über die Einfömigkeit und Dumpfheit unseres Alltags schliesslich setzt er alles entgegen, was ein Mann und Musiker wie er aufzubieten hat: Seine ganze reiche Welt in Musik, Texten und mit seiner imponierenden physischen Präsenz.
So gesehen kann es auch kein Zufall sein, dass die «geheime Weltregierung» am «Posthof 2 in Schaffhausen» wohnt und «guute Vibration» bringt. Auch Ihnen!
Sie müssen nur seine Platten kaufen!
Danke"
"Geheime Weltregierung" (dieses Stück erschien auf dem gleichnamigen Album von 2003)
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